
Wenn in Hannover über Architektur diskutiert wird, dann müssen Bauwerke wie das Ihmezentrum, das Kröpckecenter oder das hier abgebildete Hochhaus Lister Tor, allgemein auch Bredero Hochhaus genannt, als Beispiele dafür herhalten, dass die Architektur seit dem zweiten Weltkrieg nichts mehr taugt. Es gibt in Hannover einen Verein, der sich um die Rekonstruktion der Flußwasserkunst bemüht, im Großen Garten wird das Schloss von der VW-Stiftung wiederaufgebaut, es scheint, als habe zeitgenössische Architektur tatsächlich ein Akzeptanzproblem, das sich vor allem auf die Äußerlichkeiten dieser Architektur bezieht. Schönheiten sind alle drei Gebäudekomplexe nach heutigen ästhetischen Maßstäben nicht, wie das zum Zeitpunkt ihrer Entstehung war fällt mir schwer zu beurteilen. Aber hinter allen Gebäuden stehen Ideen und Konzepte, die eine Reaktion auf den vorhergehenden Zustand der Stadt waren. Manches an diesen Ideen ist noch heute aktuell und interessant.






Je nu, Ideen und Konzepte sind schön und gut, wenn sie aber zu einer optischen Zerstörung der Stadt fĂŒhren dann möchte man den Architekten frei nach Helmut Schmidt zurufen: "Wenn Du Visionen hast geh zum Arzt". Aber ich will ja nichtmal die Architekten von damals in den Mittelpunkt der Kritik stellen. Die hatten rĂŒckblickend betrachtet einfach das Problem, dass Brutalismus im Rahmen eines kollektiven Verblendungs-Anfalls als schick galt. VorwĂŒrfe sind in erster Linie der Stadtverwaltung zu machen die diese Brocken genehmigt hat (und den Conti-Campus, und den Sparkassen-Turm, und das Allianz-GebĂ€ude an der Langen Laube, und das Ărztehaus am Raschplatz, und und und ...). Die hat sich offensichtlich keine Gedanken darĂŒber gemacht, dass eine ansprechende Stadt langfristig ĂŒber aktuelle Trends und Moden hinausdenken muss um ein ertrĂ€gliches Erscheinungsbild zu haben. Sonst hĂ€tte es fĂŒr vieles keine Genehmigung gegeben.
Ich finde es albern zu sagen, daĂ jedes GebĂ€ude, das höher als der Durchschnitt ausfĂ€llt, gleich eine "optische Zerstörung der Stadt" hervorruft. Das ist aber fĂŒr dieses Land, mithin fĂŒr diese Stadt typisch - alles, was aus dem Durchschnitt herausfĂ€llt, wird sofort kritisiert. DaĂ diese Bauten eine wohltuende Abwechslung im sonstigen Einerlei, insgesamt also ein Beitrag zu einem interessanten, weil abwechslungsreichen Stadtbild, sind, das wird dabei ĂŒbersehen. Es ist halt Mode, diese Bauten zu kritisieren, und dann stimmt man eben in diesen "Chor" ein. Und weil man sich seine Meinung auch nicht von Sachkenntnissen trĂŒben lassen will, weiĂ man eben nicht, daĂ weder der Sparkassen-Turm noch das Ărztehaus im Stil des Brutalismus erbaut sind, aber darauf kommt es dann ja auch garnicht mehr an. (Der Conti Campus gehört schon erst recht nicht dazu, weil es den Brutalismus als Stilrichtung zu dieser Zeit noch gar nicht gab.) Hannover ist eine ansehnliche Stadt, auch und gerade wegen ihrer TĂŒrme - die ja auch zeichen von Aufbruch und Aufschwung sind.
Also meines Erachtens gehört das Hochhaus Lister Tor (Bredero-Hochhaus) zu den wenigen architektonisch interessanten GebĂ€uden in Hannover. Auch wenn der Zustand nicht in allen Details optimal ist, gehört es doch zu den wenigen zeitlosen und mit seinen klaren Linien auch eleganten GebĂ€uden des Hannovers der Nachkriegszeit. Auch weiĂt es nicht die postmodernen Fehlplanungen in Form toter RĂ€ume auf, die das Ihmezentrum etwas gespenstisch machen. Relativ zu den Bauten der 80er und 90er Jahre hat das GebĂ€ude wesentlich mehr Charakter und Stil. Auch ist es nicht so billig in seiner Formsprache, wie etwa die Neubauen am Raschplatz (Kaufland), das ECE (auf dem GelĂ€nde der ehemaligen Post) oder das neue Kröpcke-Center, fĂŒr das man sich wirklich schĂ€men muss. Niemand wird sagen können, dass letzteres hĂ€sslich ist - denn das stimmt nicht. Aber es ist - und das ist das einzige was vielleicht noch schlimmer ist - einfach mittelmĂ€Ăig. Und dies ist genau das, was die gröĂte Bedrohung fĂŒr diese meines Erachtens sehr lebenswerte Stadt ist: sie hatte und hat heute umso mehr einen gewissen Hang zur MittelmĂ€Ăigkeit! WĂ€r schade, wenn dies so weiter ginge! Mehre Bredero und weniger ECE wĂ€r da vielleicht gar nicht so verkehrt...